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Wahlabend: Ende eines Sinkflugs

Johannes Kretschmann, der an dem Abend bei der Wahlparty auch von seiner Mutter Gerlinde begleitet und unterstützt wurde, nannte das Ergebnis «historisch». Endlich, führte Kretschmann an, «kriechen wir nicht mehr in dem 8- bis 10-Prozent-Loch herum. Das haben wir Annalena Baerbock und Robert Habeck zu verdanken», stellte er klar – So hat meine positive Stellungnahme zur Bundestagswahl 2021 Holger Much vom Zollernalbkurier in Stein gemeißelt.

Mit der uns Grünen eigentümlichen Gabe der Zuversicht will ich auch am Ende meines 20 Monate dauernden Bundestagswahlkampfes das Glas mindestens halb voll sehen, auch wenn die Neige auf meiner Zunge einen herben Geschmack hatte. Vieles kam zusammen, daß für mich keine Passage in den Reichstag führte, obwohl dieses Ziel bis zum Wahlabend im so schön herausgeputzten Fabrikle im Donautal noch als gut erreichbar schien. Doch der langanhaltende bundes- und vor allem auch landesweite Sinkflug der grünen Zustimmungswerte ging zu tief.

Die von nicht wenigen gehegte und von der schwarzen Konkurrenz auch ernsthaft gefürchtete Vorstellung vom grünen Direktmandat entpuppte sich mit den ersten Schnellmeldungen aus dem Wahlkreis als Trugbild. Dazu darf ich nochmal aus dem Bericht von Holger Much zitieren: «Das Glück für Bareiß war, dass die direkte Konkurrenz von SPD, Grünen und FDP drei Kandidaten präsentiert hatte, die sich im Wahlkampf keine Blöße gaben, aber sich dafür die Stimmen gegenseitig ‘wegnahmen’. Robin Mesarosch, Johannes F. Kretschmann und Stephan W. Link waren im von jeher konservativ geprägten Wahlkreis Zollernalb-Sigmaringen allesamt überaus engagiert und präsent, was sich in ihren jeweiligen Wahlergebnissen am Ende auch widerspiegelte.»

Ein Plus an 4.2% bei den Erststimmen war tatsächlich überdurchschnittlich – für einen Wahlkreis im ländlichen Raum. Und damit sind wir bei einem Problem, das den grünen Zuwachs in Baden-Württemberg deckelte (+3.7% bei den Zweitstimmen gegenüber +8.5% in NRW, +9.8% in Berlin, +11% in Hamburg, +9.8% in Bremen etc.): Mangelnder Zuspruch in der süddeutschen Provinz. In Zollernalb-Sigmaringen schlug er sich besonders schmerzhaft durch, als einziger Wahlkreis bundesweit verloren wir sogar leicht (-0.1% auf 11.4%). Schon bei den Landtagswahlen im Frühling büßten wir gegen den Trend an Zustimmung ein (-2.5% im Zollernalbkreis, -1.1% im Kreis Sigmaringen).

Inwieweit auch von uns nicht autorisierte Kampagnen externer Organisationen bei der Bundestagswahl hier auf Kosten der Zweitstimmen gingen, ist schwer zu beurteilen. Dieses exzentrisch schwache Ergebnis fällt auch auf mich als Kandidat zurück, wobei ich für den davon unabhängigen, alles entscheidenden Grund für meinen Nichteinzug die volle und uneingeschränkte Verantwortung trage: Meine Entscheidung, mich auf Platz 22 der baden-württembergischen Landesliste zu bewerben.

Diese Hausnummer war weder herbeigesehnt noch ausgewürfelt, sondern das Ergebnis vieler Gesprächsrunden und schwieriger Verhandlungen. Es hätte für mich triftige Gründe gegeben, höher einzusteigen, doch mit Platz 22 wollte ich meinen Fürsprechern die Solidarität zurückspiegeln, die sie für meine Kandidatur an den Tag legten. Andererseits, für mich weniger schmeichelhaft, vermied ich damit Kämpfe mit äußerst unsicherem Ausgang.

Im nachhinein hätte ich der eigenen Richtschnur folgen sollen, die ich mir für meine (bundes)politische Kampagne ausgelegt hatte: Risiken eingehen, Konflikte in Kauf nehmen und unverschuldeter Schlamastik die Stirn bieten. Doch zum Zeitpunkt der Listenaufstellung am 11. April 2021 erschien diese meine Entscheidung als weise und bereitete den meisten meiner Unterstützer nicht Sorge, sondern Freude. Und meine Dankbarkeit gegenüber den Grünen, die mich gerne in der Bundestagsfraktion gesehen hätten und dafür ihr Wort in die Waagschale warfen, überdauert auch den Tag der Niederlage.

Dankbar bin ich natürlich vor allem den engagierten Mitgliedern und Helfershelfern der Kreisverbände Zollernalb und Sigmaringen, die für diesen Wahlkampf einen beispiellosen Aufwand betrieben und weit über unsere Größenverhältnisse hinaus Tatkraft mobilisierten. Sie gaben der Konkurrenz die Sporen mit dem, was uns Berg- und Talgrüne in politisch unwirtlicher Landschaft auszeichnet: einem eigenen, unbändigen Willen. Liebe Freundinnen und Freunde, grünes Licht für Zollernalb-Sigmaringen!

Photos: Peter Schilling

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