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Religiöse Vielfalt leben und begreifen

Auf eine überdurchschnittlich hohe Resonanz stieß die Videokonferenz «Religiöse Vielfalt leben und begreifen» des Sigmaringer Kreisverbands Bündnis 90/Die Grünen(die Schwäbische Zeitung berichtete). 45 Teilnehmer verfolgten den anregenden Austausch mit den Gästen Dr. Michael Blume, Beauftragter des Landes Baden-Württembergs gegen Antisemitismus und Autor zahlreicher Bücher zu Verschwörungsmythen und dem Islam, der Grünen Fraktionsvorsitzenden im Mannheimer Stadtrat und Bundestagskandidatin Melis Sekmen, die Kuratorin des Deutsch-Türkischen Instituts für Arbeit und Bildung sowie Vorstandsmitglied der Europa Union Mannheim ist, sowie mit Johannes F. Kretschmann, Grüner Fraktionsvorsitzender im Sigmaringer Kreistag und Bundestagskandidat für Zollernalb-Sigmaringen.

Eine gute Stunde lang sprachen die Referenten darüber, welchen Gewinn die Vielfalt der verschiedenen Religionen der Politik bieten kann. Sie gingen auf die Chancen ein, welche die Religionen für Einzelne bedeuten können, ebenso aber auch auf die Gefahren von Extremismus. Hanna Stauß, die die Grüne Jugend Sigmaringen leitet, moderierte den Austausch und ließ die Fragen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem Chat in die Runde einfließen.

Zu Beginn erzählte Johannes F. Kretschmann, Mitorganisator der Veranstaltung und studierter Religionswissenschaftler, wie befremdlich oft seine Gesprächspartner reagieren, wenn er erkläre, dass er Heide sei. Das zeige, wie eine Religion oder Weltanschauung, die den Einzelnen fremd sei, Befremdung auslöse. Auf die Frage von Hanna Stauß, was Politiker von den Religionen lernen könnten, um die Demokratie zu stärken, erklärte Kretschmann, dass wir alle Bilder, Mythen und Narrative benutzen, die wirkmächtig sind und etwas in den Menschen auslösen. Diese müssten auf den Prüfstand gestellt werden, um deren Chancen auf Verständigung und Verständnis zu nutzen. Melis Sekmen erzählte von ihrem bunten Viertel in Mannheim, in dem sie aufwuchs. Jeder habe seine Glaubensgemeinschaft und seine Werte mit eingebracht. Wichtig sei es, daraus gemeinschaftliche Werte zu entwickeln. «Auf kommunaler Ebene müssen wir dazu Räume schaffen, in denen der Austausch ermöglicht wird», betonte sie. Sowohl die Erwachsenen als auch die Jugendlichen müssten einbezogen werden, um ein «Commitment», eine Art Werteübereinstimmung, als verbindlich festzulegen, was ein friedliches Zusammenleben fördert. Und um alle Menschen mitzunehmen, bräuchte es die Einbeziehung der Religionsgemeinschaften. «Wir müssen die Basis nutzen, damit es zu einem politischen Erfolg wird», ist die Mannheimer Fraktionsvorsitzende der Grünen überzeugt.

Das Thema der Religionen und Weltanschauungen durchziehe alle Politikbereiche, ergänzte Dr. Michael Blume. «In der Politik müssen wir das Gute fördern und Grenzen definieren», erklärte er. Gefährlich werde es, wenn eine Religionszugehörigkeit über ein Feindbild oder Verschwörungsmythen definiert werde. Durch Religionsunterricht lasse sich der positive Aspekt der Religionen hervorheben. Die Referenten waren sich darüber einig, dass Unwissenheit und soziale Umstände zu Extremismus führen können. «Es geht erschreckend schnell, jemanden zu radikalisieren», berichtet der Kreisvorsitzende Klaus Harter von entsprechenden Studien. Sobald die Selbstwirksamkeit über Feindbilder und Abgrenzungen aufgebaut werde, drohe Unfrieden und Gefahr.

«Werte, für die wir brennen, müssen wir ernst nehmen», betonte Johannes F. Kretschmann. Vielfalt müsse man akzeptieren und auch aushalten, ebenso müsse man den Konflikt, der daraus entstehen könne, aushalten, so der Bundestagskandidat. Jede Politikerin und jeder Politiker sei gefragt, die «helle Triebkraft» demokratischen Handelns und Aufrichtigkeit zu zeigen, damit die Bevölkerung Vertrauen in die Politik entwickle. «Das geht nur, wenn man Unterschiede zuläßt», unterstrich er sein Argument. Alle betonten, wie wichtig es für eine vielfältige, friedliche Gemeinschaft sei, gemeinsame Räume zu schaffen, die den persönlichen Austausch fördern. Dass bereits verschiedene Formate für einen solchen Dialog existieren, berichteten die Referenten und auch Teilnehmer des Webinars. Es brauche immer wieder Mut, in den Dialog zu gehen, ihn zu verteidigen, um sich einem friedlichen Miteinander zu nähern. Das koste Kraft und Energie, die sich auf jeden Fall auszahle, so der einhellige Tenor. Gerade die Grünen, die sich für Bürgerbeteiligung und die Politik des Gehörtwerdens einsetzen, möchten mit niederschwelligen Angeboten die Menschen unterschiedlicher Religionen und Weltvorstellungen zusammenbringen.

Vielen Dank für die Erstellung des Nachberichts an Isabell Michelberger/imi

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